Matthäus 8,5–13
Eigene Übersetzung
- Als Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm, bat ihn
- und sprach: Herr, mein Kind liegt gelähmt zu Hause und leidet schwer.
- Jesus sprach zu ihm: Ich werde kommen und es heilen.
- Der Hauptmann aber antwortete: Herr, ich bin nicht würdig, dass du unter mein Dach kommst. Sprich nur ein Wort, dann wird mein Kind gesund.
- Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität und habe Soldaten unter mir. Sage ich zu einem: Geh!, dann geht er, und zu einem anderen: Komm!, dann kommt er, und zu meinem Knecht: Tu dies!, dann tut er es.
- Als Jesus das hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm folgten: Amen, ich sage euch: Bei niemandem in Israel habe ich einen so großen Glauben gefunden.
- Ich sage euch aber: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Reich der Himmel zu Tisch sitzen.
- Die Söhne des Reiches aber werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.
- Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh! Wie du geglaubt hast, so soll es dir geschehen. Und das Kind wurde in derselben Stunde gesund.
Kommentar
Die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum gehört zu den bekannten Erzählungen der Evangelien. Sie zählt zu den Texten, in denen Jesus den Glauben eines Nichtisraeliten ausdrücklich hervorhebt.
Wer mit den Evangelien vertraut ist, erinnert sich möglicherweise an Abweichungen in den Berichten. In manchen Evangelien tritt nicht der Hauptmann selbst auf, sondern sendet Boten. In anderen Texten ist von einem Knecht die Rede, während hier von einem „Kind“ gesprochen wird.
Beides ist korrekt und hängt vom jeweiligen Evangelium und der Wortwahl des griechischen Textes ab. Die Geschichte wird in Lukas 7 etwas anders berichtet. In Johannes 4 kommt noch einmal ein ähnlicher Bericht vor, manche denken es beschreibt das gleiche Wunder, wahrscheinlicher ist aber, das es sich um ein anderes Ereignis handelt.1
In Matthäus 8 tritt der Hauptmann selbst auf, während Lukas 7 berichtet, dass er Boten sendet. Ebenso spricht Lukas ausdrücklich von einem Knecht, Matthäus verwendet hier einen allgemeineren Begriff, der sowohl „Kind“ als auch „Knecht“ bedeuten kann. Deshalb orientieren sich manche Übersetzungen an Lukas und geben den Begriff als „Knecht“ oder „Sklave“ wieder.
Für Bibelkritiker sind solche Unterschiede gelegentlich ein Ansatzpunkt zur Infragestellung der Glaubwürdigkeit der Evangelien. Dabei wird oft übersehen, dass gerade bei Augenzeugenberichten kleinere Abweichungen in Details völlig normal sind. Berichte, die in allen Einzelheiten vollkommen übereinstimmen, gelten in der Geschichtswissenschaft eher als verdächtig, da sie auf Absprache hindeuten könnten.2
Zudem stellt sich die Frage, ob an dieser Stelle die Erwartung moderner, akribischer Geschichtsschreibung überhaupt angemessen ist. Die Evangelien wurden nicht für ein Publikum des 21. Jahrhunderts verfasst, sondern für konkrete Gemeinden mit bestimmten theologischen Fragestellungen. Entscheidend ist daher weniger die exakte Rekonstruktion jedes Details, sondern die Botschaft, die der jeweilige Evangelist vermitteln möchte. Falls hier für Matthäus die Gesandten theologisch nicht relevant sind, ist es plausibel das er sie einfach weggelassen hat um den Text kürzer zu halten.3
Unstrittig ist: Der Hauptmann zeigte außergewöhnlichen Glauben, und Jesus heilte aus der Ferne. Beide Evangelisten setzten dabei unterschiedliche Akzente. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur: Was ist genau passiert?, sondern auch: Was will der Text seinen Hörern und Lesern sagen?
Wer dennoch versucht, die Berichte zusammenzuführen, kann sich einen möglichen Ablauf vorstellen: Der Hauptmann hatte einen Knecht oder eventuell auch einen Unehelichen Sohn der wie ein Knecht in seinem Haus wohnte. Er hörte von Jesu Wirken und suchte Hilfe. Aus einem Gefühl der Unwürdigkeit heraus – oder weil er annahm, dass jüdische Fürsprecher mehr Gehör finden würden – sandte er Boten zu Jesus. Da ein Bote den Auftraggeber repräsentiert und dessen Worte übermittelt, kann der Bericht zugleich so verstanden werden, als sei der Hauptmann selbst zu Jesus gekommen.
Besonders hervorzuheben ist Jesu Reaktion. Er wundert sich über den Glauben dieses Mannes und kündigt an, dass viele aus den Nationen Anteil am Reich Gottes haben werden. Diese Aussage überschreitet die damaligen religiösen Erwartungshorizonte deutlich.4
Aus heutiger Perspektive wird dieser Text häufig auf die weltweite Ausbreitung des Christentums bezogen. In den ersten Jahrhunderten war jedoch vor allem die Frage relevant, ob Heiden in die Gemeinde aufgenommen werden konnten.5
Jesus spricht zunächst in seinem kulturellen Kontext über diejenigen, die nicht Teil des Volkes Gottes sind. Dennoch lässt sich diese Aussage auch auf die heutige Zeit übertragen: Zur Zeit Israels gab es viele Nicht-Israeliten, die an Gott glaubten und dadurch Zugang zum Himmelreich erlangen konnten. Übertragen auf heute könnte dies bedeuten, dass auch Menschen, die formal nichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben, dennoch einen rettenden Glauben besitzen können.6
Es wäre jedoch riskant, deshalb die Zugehörigkeit zur Gemeinde als optional zu betrachten. Jesus ruft uns, Teil seiner Familie von Gläubigen zu werden.7 Für diejenigen, die dazu keine Möglichkeit haben – wie der Hauptmann damals nicht Jude werden konnte – mag die Ausnahme gelten, dass auch Menschen ohne Zugehörigkeit zum sichtbaren Volk Gottes gerettet werden. Wer jedoch bewusst nicht Teil des Volkes Gottes werden möchte, obwohl er Jesu Ruf kennt, bewegt sich auf sehr dünnem Eis.
Fragen zum Nachdenken
- Wie gehst du mit Unterschieden zwischen den Evangelien um?
- Wann ist Zweifel sachlich begründet, und wann dient er der Bestätigung einer bereits festgelegten Sicht?
- Wie kann ein Vertrauen wachsen, das Jesus als „großen Glauben“ bezeichnet?
Quellen
- Gerhard Maier, Johannes-Evangelium, ed. Gerhard Maier, vol. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 184.↩︎Ist Johannes 4,47–54 der Parallelbericht zum „Hauptmann von Kapernaum“ (Mt 8,5–13; Lk 7,1–10)? Viele Ausleger nehmen dies an. Was ist diesen Berichten gemeinsam? 1. Beide Male handelt es sich um einen Kranken in Kapernaum. 2. Beide Male heilt Jesus aus der Ferne, ohne Berührung. 3. Beide Male tritt die Heilung in der Stunde ein, in der Jesus das heilende Wort gesprochen hatte. 4. Beide Male ertönt die Aufforderung: „Geh hin!“ 5. Beide Male ist der Bittende ein Angestellter des Herodes. 6. Schließlich wird der Geheilte beide Male im Urtext mit demselben Wort (pais) gekennzeichnet, das sowohl „Knecht“ als auch „Sohn“ heißen kann. Diesen Gemeinsamkeiten stehen aber auch Unterschiede gegenüber: 1. Der „Hauptmann von Kapernaum“ will nicht, daß Jesus in sein Haus kommt; der Beamte von Johannes 4,47ff. bittet darum, daß Jesus in sein Haus komme. 2. Beim „Hauptmann“ findet sich kein kritisches Wort dem Bittenden gegenüber, wohl aber in Johannes 4,48. 3. Der Hauptmannsbericht spielt in Kapernaum; dagegen betont Johannes ausdrücklich, daß Johannes 4,47 nach Kana gehört. 4. Sowohl in Matthäus 8,5 als auch in Lukas 7,2 wird der Bittende als „Hauptmann“ bezeichnet, in Johannes 4,47 dagegen als „Königlicher“. 5. In Matthäus 8,5ff./Lukas 7,1ff. handelt es sich nach dem Zusammenhang um den Knecht des Bittenden, in Johannes 4,47ff. aber um den Sohn. 6. In Matthäus 8,6 ist der Kranke gelähmt, in Johannes 4,52 leidet er an Fieber. 7. In Johannes 4,47ff. ist der Leidende todkrank, in Matthäus 8,5/Lukas 7,1ff. nicht.
Angesichts der Tatsache, daß Jesus ungezählte Heilungen vollbrachte, die in keinem Evangelium erschöpfend erzählt werden (vgl. Mt 4,24; 9,35; 14,35f.; 19,2; 21,14 mit Joh 20,30; 21,25), und unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen Matthäus 8,5ff./Lukas 7,1ff. einerseits und Johannes 4,47ff. andrerseits wird man zu dem Urteil kommen müssen, daß der „Hauptmann von Kapernaum“ und der Beamte von Johannes 4,47ff. zwei verschiedene Gestalten sind. Ergebnis: Johannes 4,47ff. hat bei den Synoptikern keine eigentliche Parallele. Vielmehr bringt Johannes hier einen Bericht, den die Synoptiker nicht haben. - Craig L. Blomberg, The Historical Reliability of the Gospels, Second Edition. (Downers Grove, IL; Nottingham, England: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press; Apollos, 2007), 153.If anything, the minor variations that do occur, when coupled with the much greater amount of close agreement in detail, actually strengthen confidence in the Evangelists’ trustworthiness. Verbatim parallelism, on the other hand, where it occurs, proves only that one writer has copied from another and offers no independent corroboration of his testimony. And the variations that appear in most of the parallels are no greater, and often much more trivial, than those that characterize any two historical accounts of the same events: a different selection of details, themes and phraseology, which periodically brings one account into apparent tension with the other because each reflects a unique perspective and neither tells the whole story.
↩︎ - Gerhard Maier, Das Evangelium Des Matthäus: Kapitel 1–14, ed. Gerhard Maier et al., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 444.Der auffallendste Unterschied zwischen Mt 8,5–13 und Lk 7,1–10 ist der, dass nach Lukas der Hauptmann jüdische Älteste (7,3) und Freunde (7,6) zu Jesus schickt, die in seinem Namen das Gespräch führen. Da aber nach jüdischer Auffassung der Bote eines Menschen wie dieser selbst ist, bleibt der Hauptmann auch nach Lk 7,1ff der eigentliche Gesprächspartner. Vermutlich hat Matthäus die Ältesten und die Freunde weggelassen, um das Ganze knapper zu halten, was niemand unter seinen jüdischen Lesern als unwahrhaftig empfand.
↩︎ - Charles L. Quarles, Matthew, ed. T. Desmond Alexander, Thomas R. Schreiner, and Andreas J. Köstenberger, Evangelical Biblical Theology Commentary (Bellingham, WA: Lexham Academic, 2022), 220.↩︎The faith that the centurion expressed was unparalleled even among Jesus’s own Jewish disciples, and Jesus extolled the faith of this gentile to his Israelite followers. Jesus explained that this centurion was only one of many gentiles from all over the world (“from east and west”) who would join with the Old Testament patriarchs at the messianic feast when the kingdom arrived in all its glory. The Jewish expectation of the messianic feast was based primarily on Isa 25:6 in which the Lord of Armies prepares a feast of choice meat and fine vintage wine for his people on Mount Zion at the time that he destroys death forever and wipes away the tears from every face. Although Jesus’s contemporaries generally refused to share even ordinary table fellowship with gentiles, Jesus insisted that his gentile followers would dine with Abraham, Isaac, and Jacob at the promised eschatological feast, showing that they now belonged to the chosen people of God. On the other hand, Israelites (“sons of the kingdom”) who rejected Jesus would be excluded from the kingdom of heaven and sentenced to the “outer darkness” where they would suffer intensely.
- Robert H. Stein, Luke, vol. 24 of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1992), 220.I have not found such great faith even in Israel. In Luke’s context the centurion became a symbol of believing Gentiles who stood in contrast to unbelieving Jews, so that what was true in Jesus’ situation became even more true in the Evangelist’s. By adding 8:11–12 at this point (in Luke this appears later in 13:28–29), Matthew heightened this contrast between unbelieving Israel and believing Gentiles. Yet for both Matthew and Luke, this affirmation of the centurion’s faith served as support and encouragement for the acceptance of Gentiles into the church.
↩︎ - Augustus Hopkins Strong, Systematic Theology (Philadelphia: American Baptist Publication Society, 1907), 843.↩︎Since Christ is the Word of God and the Truth of God, he may be received even by those who have not heard of his manifestation in the flesh. A proud and self-righteous morality is inconsistent with saving faith; but a humple and penitent reliance upon God, as a Savior from sin and a guide of conduct, is an implicit faith in Christ; for such reliance casts itself upon God, so far as God has revealed himself,—and the only Revealer of God is Christ. We have, therefore, the hope that even among the heathen there may be some, like Socrates, who, under the guidance of the Holy Spirit working through the truth of nature and conscience, have found the way of life and salvation.
- John Miley, Systematic Theology, Volume 2 (New York: Hunt & Eaton, 1893), 388.↩︎Duty of Church Membership.—As the divinely instituted means of grace are mostly within the Church, membership therein is necessary to their full enjoyment.
The duty of church membership often appears in the New Testament. It is present in the emphasis which is placed upon the public confession of Christ: “Whosoever therefore shall confess me before men, him will I confess also before my Father which is in heaven. But whosoever shall deny me before men, him will I also deny before my Father which is in heaven.” Such a confession of Christ carries with it the idea of membership in his Church. Such too is the meaning of the duty of an unyielding fidelity to him, even when subject to the severest persecutions.4 There could be no liability to such persecution, nor call to such fidelity, without the public confession; nor such confession without the membership. The same ideas appear in the assurance of the divine succor of the persecuted, and the promise of a crown of life as the reward of their fidelity.
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