Genesis 4,8–16
Eigene Übersetzung
- Und Kain sprach zu Abel, seinem Bruder. Und es geschah, als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain über Abel, seinen Bruder, und erschlug ihn.
- Und Jahwe sprach zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Und er sprach: Ich weiß es nicht! Bin ich der Hüter meines Bruders?
- Und er sprach: Was hast du getan, Kain? Das Blut deines Bruders schreit vom Erdboden zu mir.
- Und nun: Verflucht seist du vom Erdboden weg, der seinen Mund aufgesperrt hat, um das Blut deines Bruders von deiner Hand aufzunehmen.
- Wenn du den Erdboden bearbeitest, soll er dir nicht mehr seine Kraft geben. Schwankend und heimatlos sollst du sein auf der Erde.
- Und Kain sprach zu Jahwe: Meine Strafe ist zu groß, als dass ich sie tragen könnte.
- Siehe, du vertreibst mich heute vom Angesicht des Erdbodens, und vor deinem Angesicht werde ich verborgen sein. Und ich werde schwankend und heimatlos sein auf der Erde, und es wird geschehen: Jeder, der mich findet, wird mich erschlagen.
- Und Jahwe sprach zu ihm: Wahrlich, jeder, der Kain erschlägt, wird siebenfach gerächt werden. Und Jahwe machte Kain ein Zeichen, damit ihn nicht jeder, der ihn findet, erschlage.
- Und Kain ging hinweg vom Angesicht Jahwes und wohnte im Land Nod, östlich von Eden.
Kommentar
Nur eine Generation nachdem Adam und Eva sich entschieden haben, Gut und Böse zu erkennen, erleben sie schon, wie ein Bruder den anderen erschlägt.
Ist es nicht bemerkenswert, das der erste Mord der Menschheit aus religiösen Grunden geschah?1James McKeown, Genesis, The Two Horizons Old Testament Commentary (Grand Rapids, MI; Cambridge, U.K.: William B. Eerdmans Publishing Company, 2008), 41–42.
Nachdem Kain seinen Bruder getötet hat, begegnet Gott ihm wieder mit Fragen – genauso wie zuvor bei Adam und Eva.
Doch anders als Adam, der die Schuld zwar weitergibt, aber immerhin noch die Wahrheit sagt, lügt Kain, als er behauptet, er wisse nicht, wo sein Bruder sei.
Dann schiebt er die Frage beiseite und sagt: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Das Wort hüten (שׁמר) wird tatsächlich oft für die Tätigkeit eines Hirten gebraucht (z. B. Genesis 30,31), aber ebenso für das Bewahren des Bundes (Genesis 17,9) oder das Bewahren der Gebote (Genesis 26,5).
Die Antwort Gottes ist unausweichlich: Natürlich sollen wir Hüter unserer Brüder sein – und ganz besonders Kain als Erstgeborener.2Jakob Kroeker, Noah und das damalige Weltgericht: Genesis 4–11, Das lebendige Wort (Wernigerode a. H.: Missionsverlag „Licht im Osten“, 1925), 34–35.
Zum ersten Mal in der Bibel wird jetzt ein Mensch verflucht. Nach dem Sündenfall wurden die Schlange und der Ackerboden verflucht – aber nicht Adam oder Eva. Kain jedoch wird vom Erdboden selbst verflucht. Und dennoch lässt Gott ihn leben und setzt ihm sogar ein Schutzzeichen, damit niemand ihn erschlägt. (Dasselbe Wort für „Zeichen“ wird später auch in Hesekiel 9,4 verwendet und bildet ein frühes Vorbild sowohl für Gottes Siegel als auch – im Kontrast – für das Malzeichen des Tieres.)
Wenn wir uns an den Anfang der Geschichte erinnern, erkennen wir, wie tragisch sie ist:
Kain wurde zornig, weil sein Opfer nicht angenommen wurde, während das seines Bruders angenommen wurde. Er wollte Anerkennung von Gott und/oder Vorrang vor Abel. Doch durch seine Tat verlor er beides: Sein Bruder ist tot, und er selbst muss vom Angesicht Gottes weggehen.
Das Wort für „Strafe“ kann im Hebräischen auch „Schuld“ bedeuten – entweder meint Kain wirklich die Strafe, denn Reue zeigt er keine,3William MacDonald, Kommentar zum Alten Testament, übers. von Christiane Eichler u. a. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2010), 38. oder es ist ein Ausruf, das seine Schuld zu groß ist um vergeben zu werden und er deshalb gar nicht erst nach Vergebung fragt.4Martin Luther und Lucas Osiander, Luther Studienbibel (2025) – Erklärungen (Steyerberg: Dolle, 2025). – Möglicherweise ist es eine Mischung aus beiden, er kann sich selbst nicht vergeben, und erwartet deshalb auch keine Möglichkeit der Vergebung von Gott und gleichzeitig nimmt er wahr, das die Konsequenzen für ihn auch untragbar wären.5Hermann Menge (1939, 1967 und 2003), Die Heilige Schrift (Stuttgart: Bibelanstalt, 2003).
Interessant ist auch der geografische Hinweis: Kain zieht weiter nach Osten.
• Der Garten Eden war bereits „im Osten“ (Genesis 2,8).
• Die Cherubim wurden an die östliche Seite des Gartens gestellt (Genesis 3,24), was impliziert, dass Adam und Eva sich nach Osten hinausbewegten.
• Und nun geht Kain noch weiter östlich, immer weiter weg vom Angesicht des Herrn.
Später in der Stiftshütte und im Tempel ist das Allerheiligste dagegen der westlichste Punkt. Wer sich Gott näherte, ging nach Westen. Der Weg nach Osten hingegen ist in der Bibel oft ein Bild für Entfernung von der Gegenwart Gottes.6Norbert Lieth, Messianische Psalmen (Dübendorf: Verlag Mitternachtsruf, 2009), 262.
Fragen zum Nachdenken
- Wieso konnte die Sünde so schnell bis zum Mord führen?
- Wie können wir die Hüter unserer Geschwister sein?
- Wieso schützt Gott Kain trotz seiner schweren Schuld?
- Ist es dir schon passiert, dass du bewusst etwas Falsches getan hast, um etwas zu erreichen – nur um festzustellen, dass es dich noch weiter von deinem Ziel entfernt hat?
- 1James McKeown, Genesis, The Two Horizons Old Testament Commentary (Grand Rapids, MI; Cambridge, U.K.: William B. Eerdmans Publishing Company, 2008), 41–42.
- 2Jakob Kroeker, Noah und das damalige Weltgericht: Genesis 4–11, Das lebendige Wort (Wernigerode a. H.: Missionsverlag „Licht im Osten“, 1925), 34–35.
- 3William MacDonald, Kommentar zum Alten Testament, übers. von Christiane Eichler u. a. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2010), 38.
- 4Martin Luther und Lucas Osiander, Luther Studienbibel (2025) – Erklärungen (Steyerberg: Dolle, 2025).
- 5Hermann Menge (1939, 1967 und 2003), Die Heilige Schrift (Stuttgart: Bibelanstalt, 2003).
- 6Norbert Lieth, Messianische Psalmen (Dübendorf: Verlag Mitternachtsruf, 2009), 262.
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