Matthäus 8,18–22

Eigene Übersetzung

  1. Jesus aber sah die Volksmenge um sich; da befahl er, an die andere Seite (des Sees) loszugehen.
  2. Und einer der Schriftgelehrten sagte zu ihm: Lehrer, ich will dir nachfolgen, wo immer du hingehst.
  3. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Löcher, und die Vögel des Himmels haben einen Wohnort, aber der Sohn des Menschen hat keinen Ort, wo er den Kopf hinlegt.
  4. Ein anderer aber von den Jüngern sprach zu ihm: Herr, erlaube mir, vorher hinzugehen und meinen Vater zu begraben.
  5. Jesus aber spricht zu ihm: Folge mir nach, und lass die Toten ihre Toten begraben.

Kommentar

Die Aussage aus Vers 18, dass Jesus befahl, hinüberzugehen (oder mit dem Schiff hinüberzufahren), scheint in vielen Übersetzungen eher zusammenhangslos an dieser Stelle zu stehen. Im Griechischen fällt jedoch auf, dass das Wort für losgehen/hingehen dasselbe ist, das der Schriftgelehrte benutzt, wenn er sagt, er wolle Jesus nachfolgen, wo immer er hingeht.

Hier zeigt Jesus, dass seine Nachfolge nicht mit Luxus verbunden ist. Natürlich hat Jesus auch geschlafen, und es ist wahrscheinlich, dass er immer wieder an die gleichen Orte zurückgekehrt ist – und dennoch war er oft unterwegs, auch draußen. Wer Jesus damals direkt nachfolgen wollte, musste sich auf diese Ungewissheit einlassen.1

Dass Jesus dem Mann verwehrt, seinen Vater zu begraben, erscheint uns vielleicht eigenartig. Bei uns wird ein Mensch innerhalb weniger Tage begraben; generell war es auch damals nicht anders, zumal es keine Möglichkeiten gab, eine Leiche zu kühlen. Nachdem Lazarus drei Tage tot war, lag er bereits im Grab. Manche lösen diese Schwierigkeit damit, dass sie annehmen, der Vater lebe noch und der Mann wolle abwarten, bis er stirbt. In diesem Fall wäre zwar verständlich, dass Jesus sagt, dafür sei keine Zeit – der Vater könnte ja noch Jahre leben –, doch wäre es eine eigenartige Art, von den eigenen Eltern und ihrer Versorgung zu sprechen, zumal Gott geboten hat, Vater und Mutter zu ehren. Wenn der Vater pflegebedürftig gewesen wäre und seinen Sohn bis zu seinem Tod gebraucht hätte, hätte Jesus ihm wirklich dieses Recht genommen?2

3Vermutlich geht es hier bei dem Begraben um etwas anderes. In Israel war es zu jener Zeit üblich, einen Menschen zunächst in einem Familiengrab zu bestatten und nach etwa einem Jahr, wenn nur noch die Knochen übrig waren, das Grab zu öffnen und die Knochen in eine kleinere Box zu sammeln. Wahrscheinlich bezieht sich Jesus auf diese Praxis. So erscheint seine Antwort deutlich passender: Der Vater war bereits verstorben, vielleicht schon vor einiger Zeit oder auch erst kürzlich. Es könnte sich also um eine Verzögerung von bis zu einem Jahr handeln. Das klingt zunächst nicht nach viel, doch wenn man bedenkt, dass Jesu gesamter Dienst nur etwa dreieinhalb Jahre dauerte, wird deutlich, dass jemand, der wegen dieses Begräbnisritus zögerte, große Teile davon verpasst hätte.


Fragen zum Nachdenken

  1. Was kostet Nachfolge heute?
  2. Warum hat der Evangelist dies aufgeschrieben? Welche Prinzipien daraus gelten auch für uns?
  3. Warum bezeichnet Jesus diejenigen, die ihm nicht nachfolgen, als Tote?

Quellen

  1. Craig Blomberg, Matthew, vol. 22 of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1992), 146.
    The scribe professes absolute allegiance, but Jesus realizes that the man doesn’t know what such a commitment would actually involve. He describes his itinerant ministry as even more austere than the lives of birds and foxes. Of course, Jesus had a home in Capernaum even if it was a borrowed one, but he was often not there to use it. At a deeper level Jesus’ disciples must recognize that no location on earth affords a true home. Our citizenship is in heaven (Phil 3:20), and life on earth is lived as “strangers [sojourners, exiles] in the world” (1 Pet 1:1).
    ↩︎
  2. Manlio Simonetti, ed., Matthew 1–13, Ancient Christian Commentary on Scripture (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2001), 167.
    So Jesus resisted him, not as if he were commanding him to think lightly of the honor due to parents, but signifying that nothing ought to be to us more urgent than the affairs of the kingdom of heaven.
    ↩︎
  3. John A. Beck, in The Baker Illustrated Guide to Everyday Life in Bible Times (Grand Rapids, MI: Baker Books, 2013), 47.
    The apparent harshness in Jesus’s response is muted somewhat when we understand this man’s request in light of first-century Jewish burial culture. The deceased loved one was placed in a tomb and left undisturbed for a year. Once the soft tissues and flesh had decomposed, the bones were gathered and put into a special bone box called an ossuary. If we understand this person’s request within this larger context of burial, he was asking for up to a yearlong sabbatical from service. Jesus was telling him that this lengthy delay was not appropriate. To paraphrase, he said, “Let the dead bodies in the tomb take care of such matters.” This hyperbolic statement is designed to drive home the importance of engaging with Jesus without delay.
    ↩︎

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