Matthäus 9,36–38
Bibeltext (Menge Übersetzung)
- Beim Anblick der Volksscharen aber erfaßte ihn tiefes Mitleid mit ihnen, denn sie waren abgehetzt und verwahrlost wie Schafe, die keinen Hirten haben.
- Da sagte er zu seinen Jüngern: »Die Ernte ist groß, aber die Zahl der Arbeiter ist klein;
- bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter auf sein Erntefeld sende!«
Kommentar
Als Jesus die Menschen wahrnimmt, sieht er in irgendeiner Weise, dass sie abgehetzt und bemüht waren. Es ist interessant, dass dies schon damals so war. Auch heute würde diese Charakterisierung wohl auf die meisten zutreffen. Der Grund ist wohl ein anderer. Klar, Sorgen und Unsicherheiten gab es damals wie heute; heute sind es jedoch oft noch der Druck durch Social Media, ein ständiges Online-Sein und keine wirkliche Ruhe mehr.
Zur Zeit Jesu war die Welt noch viel langsamer, aber dennoch nicht unbedingt einfacher.
Jesu Reaktion ist hier nicht nur eine kognitive Vorstellung. Das Wort für Mitleid1 ist mit dem Wort für Eingeweide verwandt.2 Es zeigt ein tiefes Mitleid, das sich anfühlt, als würden einem die Eingeweide umgedreht. Sicher haben die meisten von uns schon in der einen oder anderen Situation eine so starke emotionale Reaktion auf etwas erlebt. Aber haben wir sie auch schon erlebt, weil wir das Gefühl haben, unsere Mitmenschen gehen in die Irre?
Jesu Reaktion ist jedoch interessant: Er sieht eine geistliche Ernte, die reif ist. Was auch immer sie abhetzt und verwahrlosen lässt, bereitet sie auch darauf vor, für das Evangelium offen zu sein. Es scheint generell eine wichtige Frage zu sein, wo die Ernte nicht reif ist, kann man sich lange erfolglos abmühen, aber wenn die Ernte reich ist, ist die Arbeit auch viel erfolgsversprechend..3
Statt aber seinen Jüngern hier zu sagen, dass sie losarbeiten oder mehr Arbeiter rekrutieren sollen, ruft er sie auf zu beten.4 Wenn man selbst darum betet, dass Gott mehr Arbeiter ins Erntefeld sendet, hat es wohl zur Folge, dass man regelmäßig darüber nachdenkt und vielleicht auch selbst bereit wird zu gehen. Aber es geht auch tiefer ins Gottvertrauen. Es ist seine Ernte, und er kann für Arbeiter wirken.
Anwendung
Achte heute einmal besonders auf die Menschen um dich herum. Kannst du sie auch so sehen wie Jesus? Fang auch du an, für Arbeiter im Erntefeld zu beten — wenn du es nicht ohnehin schon tust.
Fragen zum Nachdenken
- Wovon waren die Menschen damals so geplagt?
- Was plagt die Menschen heute?
- Wieso kommt hier Beten vor Handeln?
Quellen
- R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 373.↩︎His response is described by the strongly emotional Greek verb splanchnizomai, which speaks of a warm, compassionate response to need. No single English term does justice to it: compassion, pity, sympathy, fellow-feeling all convey part of it, but “his heart went out” perhaps represents more fully the emotional force of the underlying metaphor of a “gut response.” A further feature of this verb appears through a comparison with its other uses in Matthew (14:14; 15:32; 18:27; 20:34): in each case there is not only sympathy with a person’s need, but also a practical response which meets that need; emotion results in caring and effective action, in this case the action of sending out his disciples among the people. It is a verb which describes the Jesus of the gospel stories in a nutshell.
- Stuart K. Weber, Matthew, Bd. 1 of Holman New Testament Commentary (Nashville, TN: Broadman & Holman Publishers, 2000), 130.↩︎Here Matthew used a different word, whose root meaning is “intestines, bowels.” Jesus was physically moved by a stomach-wrenching empathy for the plight of his flock. He was literally sickened by the poor leadership of Israel’s hypocritical religious leaders.
- C. Peter Wagner, The Book of Acts: A Commentary (Ventura, CA: Regal, 2008), 382.↩︎Jesus used this analogy for evangelism. Just as different farm crops ripen at different times, so also different populations ripen for the gospel at different times. Missionaries, to the extent possible, should make sure they are present in ripened harvest fields. The bulk of evangelistic work should be done among receptive peoples. It is true that all peoples, whether receptive or resistant, need to receive a witness of Christ, but the greater investment of time, energy and money should be expended among the receptive.
- Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 542–543.Andacht zu Matthäus 9,36–38 über Jesu Mitleid mit den Menschen, die große Ernte und den Ruf, für Arbeiter im Erntefeld zu beten. ↩︎Vers 38 bedeutet noch einmal eine Überraschung: Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Jesus sagt also nicht: „Stellt euch als Arbeiter zur Verfügung!“, „Lasst euch senden!“, oder gar „Geht hin zu ernten!“. Nein, er ruft die Jünger auf zum Gebet. Er lässt es offen, ob ihnen dann unter dem Gebet klar wird, dass sie selbst „arbeiten“ müssen. Hier tritt der Jesus des Gebets vor unsere Augen, der alle Evangelisten so tief beeindruckt hat (vgl. Mt 9,38; 27,46; Lk 10,2; 23,34.46; Mk 9,26; 14,32ff; Joh 6,15; 17,1ff). Für bitten steht das typische Wort (δέομαι [deomai]), das ein Gebet um Behebung eines Mangels bezeichnet. Herr der Ernte kann hier nur Gott im Himmel sein. Im semitisch gedachten27 Begriff des Herrn kommt sowohl das Besitzersein als auch das Verfügungsrecht zum Ausdruck. Wann und wie die Ernte gesammelt wird, wann und wie Mission erfolgreich arbeitet, liegt also allein bei Gott dem Herrn. Dieselbe Erkenntnis ergibt sich aus dem auffallenden griech. Wort für senden, ἐκβάλλειν [ekballein]. Denn ἐκβάλλειν [ekballein] heißt eigentlich „hinaustreiben“, hat hier aber keine „Nuance des Gewaltsamen“. Unverkennbar geht es jedoch um ein sehr gebieterisches senden. Jedenfalls ist es seine [= Gottes] Ernte.