Matthäus 6,5–6

Eigene Übersetzung

  1. Und wenn ihr betet, dann seid nicht wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Straßenecken stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits empfangen.
  2. Wenn du aber betest, dann geh in dein Kämmerlein, schließe die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dich belohnen.

Kommentar

Wie schon beim Almosengeben fordert Jesus seine Jünger auch beim Gebet zur Verborgenheit auf. Der Gedanke ist derselbe: Wer etwas tut, um von Menschen gesehen und gelobt zu werden, tut es letztlich nicht für Gott – und hat daher auch keinen göttlichen Lohn zu erwarten.1

Dabei ist wichtig zu sehen, dass sich der kulturelle Kontext verändert hat. In stark religiös geprägten Gesellschaften kann öffentliches Gebet tatsächlich Anerkennung und sozialen Status bringen. Das gilt bis heute in manchen muslimischen Ländern oder auch im sogenannten Bible Belt der USA.

In Deutschland ist die Situation meist umgekehrt. Öffentliches Gebet bringt in der Regel keinen Applaus, sondern eher Irritation oder Spott. Viele Christen vermeiden deshalb gemeinsames Tischgebet oder gestalten es möglichst unauffällig – nicht aus Angst vor Lob, sondern aus Sorge, negativ aufzufallen.

Hier stellt sich eine andere Frage als zur Zeit Jesu: Es geht weniger um die Versuchung durch Anerkennung, sondern darum, ob man bereit ist, offen zum Glauben zu stehen. Wer sich in einer säkularen Umgebung bewusst überwindet, öffentlich zu beten, tut das kaum aus der Motivation heraus, von Menschen gelobt zu werden. Wenn daraus unerwartet Respekt entsteht, ist das nicht der „Lohn“, den Jesus hier kritisiert.

Dennoch bleibt die Gefahr bestehen – nur an anderer Stelle. Während es in der allgemeinen Öffentlichkeit wenig Anerkennung zu erwarten gibt, hat sich innerhalb der Gemeinde wenig verändert. Wie damals in den Synagogen besteht auch heute die Möglichkeit, sich durch besonders schöne, theologisch dichte oder rhetorisch ausgefeilte Gebete zu profilieren.

Manchmal wirkt es fast wie ein stiller Wettbewerb: Wer formuliert das eleganteste Gebet, wer zitiert am passendsten die Bibel, wer verwendet die vertrautesten geistlichen Floskeln? Einfache, ehrliche und vielleicht auch verletzliche Gebete sind dagegen selten.

Wie viel wirkliches Gebet im „stillen Kämmerlein“ stattfindet, lässt sich schwer beurteilen. Für mich selbst muss ich sagen: eher zu wenig. Und ich vermute, dass es vielen ähnlich geht – nicht zuletzt angesichts von Jesu Frage in Lukas 18, ob der Menschensohn bei seiner Wiederkunft überhaupt noch einen Glauben finden wird, der sich im beständigen Gebet ausdrückt.2

In einem alten Kommentar wird es schön ausgedrückt:

Wie die Pharisäer das Stehen und nicht das Beten liebten, so sollen Christen das Beten und nicht das Stehen lieben.3

Jesu Prinzip unsere Motivation zu hinterfragen hört jedoch nicht auf, wenn wir die Öffentlichkeit verlassen. Selbst wenn wir im geheimen beten können wir es aus der falschen Motivation machen, etwa um unseren Stolz aufzubauen, dass wir so tolle geistliche Beter sind.4


Fragen zum Nachdenken

  1. Wann ist öffentliches Gebet dennoch positiv und angemessen?
  2. Welche Gefahren bergen „professionelle“ Gebete innerhalb der Gemeinde?
  3. Wie können wir den Geist eines ehrlichen, auf Gott ausgerichteten Gebets neu einüben?

Quellen

  1.  John D. Barry u. a., Faithlife Study Bible (Bellingham, WA: Lexham Press, 2012, 2016).
    In Matthew 6, Jesus deals with motives. He starts with the broad category of “acts of righteousness,” then moves to three such acts: giving, prayer, and fasting. It seems that Jesus did not intend this as an exhaustive list. He could have added others, such as Scripture reading or feeding the poor.
    The most important verse, which sets up the entire passage, is the first: “And take care not to practice your righteousness before people to be seen by them” (Matt 6:1). The operative phrase is “to be seen by them.” Jesus is not saying that others should not be aware of our good deeds. Rather, He is commanding that we not do these things in order to receive people’s recognition. Jesus continues, “otherwise you have no reward from your Father who is in heaven” (Matt 6:1). The problem is seeking the reward from people rather than from God.
    ↩︎
  2. Samuele Bacchiocchi, The Advent Hope for Human Hopelessness: A Theological Study of the Meaning of the Second Advent for Today (Berrien Springs, MI: Biblical Perspectives, 2001), 58.
    Luke reports an allusion Christ made to His Return in an unusual context, namely, at the conclusion of the parable of the widow and the judge. The teaching of the parable is that God will vindicate those who do not become discouraged in prayer (Luke 18:7–8). This assurance is followed by Christ’s saying: “Nevertheless, when the Son of man comes, will he find faith on earth?” (Luke 18:8).
    The connection between this saying and what precedes is presumably twofold. The Coming of the Son of man serves to reveal on the one hand God’s vindication of His people and on the other hand the lack of faith on the part of those who failed to wait for Him.
    ↩︎
  3. John William McGarvey und Philip Y. Pendleton, The Four-Fold Gospel (Cincinnati, OH: The Standard Publishing Company, 1914), 251.
    As Pharisees loved the standing and not the praying, so Christians should love the praying and not the standing.
    ↩︎
  4. Frank Stagg, „Matthew“, in Matthew–Mark, hg. von Clifton J. Allen, Broadman Bible Commentary (Broadman Press, 1969), 114.
    It follows, of course, that merely to go into your room and shut the door does not eliminate the possibility of hypocrisy. It would eliminate other human auditors, but one could yet be his own auditor; and he could try to impress God with his praying. The word about secret prayer is to be taken in context. It is not a rule to govern all praying. Jesus prayed in public and so may we. This strophe deals only with the danger of praying to be heard by men.
    ↩︎

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